Der evangelische Schüttorfer Friedhof

von Rainer Harmsen
 
Der Kirchhof
 
Jahrhundertelang wurde in Schüttorf die Tradition gepflegt, Verstorbene rund um die Kirche zu begraben. Vermutlich schon um 800 wurde auf dem höchsten Platz der Stadt eine Kapelle oder eine kleine Kirche errichtet. Die ausgewählte Lage diente nicht nur dem Schutz vor Hochwasser, sondern auch der besseren Verwesung von bestatteten Personen aufgrund der jeweiligen Bodenbeschaffenheit. Nahezu alle Kirchen, die mit Friedhöfen umgeben sind, findet man auf solchen Anhöhen. Als man 1925 Fundamentierungsarbeiten für das Ehrenmal südlich des Kirchturms ausführte, stieß man auf zwei Steinsärge, die auf das 12. Jahrhundert datiert wurden.
 
 
Bis Juli 1867 wurden Verstorbene rund um die Kirche bestattet
 
Genaue Zahlen sind nicht zu ermitteln, wenn man aber die Einwohnerzahlen der Stadt und des sogenannten Kirchspiels (Quendorf, Neerlage, Wengsel, Suddendorf und Teile von Samern) und die damalige doch sehr geringe durchschnittliche Lebenserwartung verrechnet, dürften dort sicherlich um die 30.000 bis 40.000 Personen bestattet worden sein, vermutlich sogar viel mehr.
 
Der Hagenfriedhof
 
Während der Franzosenzeit (1793 bis 1813) wurden diese Bestattungen auf dem Kirchplatz ausgesetzt. Napoleon hatte die Anordnung gegeben, dass innerhalb der Stadtmauern nicht bestattet werden durfte. So entstanden im damaligen Französischen Kaiserreich viele neue Friedhöfe.
 
 
Der ehemalige Hagenfriedhof direkt hinter der Stadtmauer, heute Spielplatz
 
Verstorbene wurden in dieser Zeit auf dem „Hagenfriedhof“ zwischen Stadtmauer und Hagen begraben. Nachdem Schüttorf 1815 in das Königreich Hannover eingegliedert wurde, gab man den Hagenfriedhof auf und setzte die Bestattungen rund um die Kirche fort. Der Hagenfriedhof erfuhr anschließend viele Nutzungen, unter anderem als Sportplatz, Tennisplatz und heute als Spielplatz.
 
Der Friedhofsstreit
 
Nach der Reformation im Jahre 1588 gab es in Schüttorf nur noch wenige Katholiken. Diese nutzten eine Kapelle in der Burg Altena für geistliche Zwecke. Beerdigungen fanden auf dem Kirchhof statt. 1853 kam es zu häufigen Auseinandersetzungen zwischen den reformierten Pastoren Engelbert Criegee und Johann Koppelmann mit dem Pfarrverweser der katholischen Gemeinde, Hermann Janzen. Provokationen beider Seiten ließen eine ökumenische Gemeinschaft, wie sie heute zu finden ist, nicht zu. Im Gegenteil.
 
Die katholische Gemeinde hatte zwar das Recht, Verstorbene auf dem Kirchhof zu beerdigen, allerdings durften bei der Bestattung keine „geistlichen Handlungen“ getätigt werden. Der Geistliche durfte keine Tracht tragen und keine Gebete sprechen. Hermann Janzen widersetzte sich nach und nach diesen Regeln. Criegee und Koppelmann wehrten sich. Im März 1853 kam es dann zu Handgreiflichkeiten bei einer Beerdigung. Der katholische Leichenzug wurde von evangelischen Bürgern schon erwartet. Der Leichenzug wurde durchgelassen. Janzen, der in voller Amtstrachterschienen war, wurde allerdings von mehreren Personen daran gehindert, den Kirchhof zu betreten. Als er sich auf dem Weg zum Bürgermeister machen wollte, wurde er zudem mit Schneebällen beworfen.
 
Das Ministerium in Hannover bescheinigte der evangelischen Gemeinde, dass sie im Besitz des Kirchhofes sei. Der katholischen Gemeinde sei selbstverständlich die freie Religionsausübung zu gestatten, allerdings nicht auf fremden Grund und Boden. Demnach seien weitere Regeln notwendig, damit auch katholische Bürger mit geistlichem Beistand beerdigt werden können.Der Vorschlag, den Hagenfriedhof als gemeinsamen Friedhof neu zu belegen und zu erweitern, verlief im Sande. Die katholische Gemeinde erwarb nun ihrerseits ein Grundstück zwischen der Ohner Straße und der Fabrikstraße. (heute Seniorenwohnanlage „Am Vechtezentrum“ der Bürgerhilfe) Im März 1854 wurde der katholische Friedhof geweiht und die Streitigkeiten um die Bestattungen waren beendet.
 
Wachstum der Bevölkerung
 
Etwa ab 1850 ist in Schüttorf ein deutliches Wachstum in der Bevölkerung zu erkennen. Dies ist insbesondere auf den Beginn der Industrialisierung zurückzuführen. Die Schüttorfer Textilhändler bauten Fabriken, in denen vor allem Baumwolle gesponnen und gewebt wurde. Der Aufschwung hatte zur Folge, dass viele Bürger zunächst aus den eigenen Bauernschaften, später aber auch aus dem Emsland, dem Münsterland und den Niederlanden nach Schüttorf kamen, um dort Arbeit zu finden. Der Anstieg der Einwohnerzahlen und die damit verbundene Mehrzahl an Bestattungen hatte zur Folge, dass der relativ kleine Kirchplatz den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. Eine Ruhezeit von 20 bis 30 Jahren war dort nicht mehr einzuhalten. Wenn für eine Bestattung ein Grab ausgehoben wurde, verlegte man die gefundenen Knochenreste vergangener Begräbnisse in das Beinhaus unterhalb der Chorkammer.
 
 
Der Eingang zum ehemaligen Beinhaus der evangelisch-reformierten Kirche
 
Der Friedhof auf dem Rüthkamp
 
Am 1. Juli 1867 wurde der evangelische Friedhof in Schüttorf eröffnet. Vorangegangen war ein längerer Schlagabtausch mit der fürstlichen Domänenkammer um den Austausch von Grundstücken. 1864 wurde eine Kommission gegründet, die sich mit dem neuen Friedhof beschäftigte. Die Fläche auf dem Rüthkamp an dem damaligen Kanzlerweg erschien aufgrund ihrer Lage und Bodenbeschaffenheit für einen Friedhof geeignet.
 
 
Die Grabstelle der Familie Gerdemann (ehem. Textilfabrik Gathmann und Gerdemann) sticht durch das große Grabmal hervor. Es ist das einzige Grab dieser Art auf dem Friedhof.
 
Zunächst konnten etwa 5000 m² von der fürstlichen Domänenkammer im Tausch gegen Grundstücke an der Ohner Straße erworben werden. Diese wurden geebnet, mit einer Sandsteinmauer und einer Hecke eingefasst und am 1. Juli 1867 als Friedhof in Betrieb genommen. Der Friedhof reichte etwa bis zur ersten großen Pforte. Als erster Verstorbener wurde Lambert Peters aus Quendorf auf dem neuen Friedhof beerdigt. Die Grabstelle ist heute nicht mehr vorhanden. Die ältesten Grabmale sind von 1887.
 
 
Mit der Eröffnung des Friedhofs wurde auch ein Gerätehaus gebaut. Im Sandsteinfundament finden sich die Initialen GS und CR. Sie weisen auf eine Stiftung des Textilfabrikanten Gerhard Schümer und seinem Stiefsohn und späterem Firmeninhaber Christian Rost hin. Die gleiche Inschrift findet sich an der „Alten Mangel“ bei der Firma Schümer. Fundament, Steine und Fenster ähneln der Bauweise bei Schümer.
 
Umbettung
 
1898 erhielt die Kirche einen Heizkessel. Dieser wurde in das Beinhaus unterhalb der Chorkammer eingebaut. Dazu mussten die dort lagernden Gebeine zum Friedhof auf dem Rüthkamp umgebettet werden.
 
Erweiterung
 
Bereits 1886 wurde der Friedhof zum ersten Mal um weitere 10.000 m² bis zur heutigen zweiten Pforte erweitert. Die fürstliche Domänenkammer forderte als Ausgleich die doppelte Fläche.
Zähneknirschend musste der Kirchenrat nach langen Verhandlungen zustimmen und gab Grundstücksflächen am Alten Bentheimer Weg und am Stadtesch ab, um den Friedhof erweitern zu können.
In den weiteren Jahren wurde der Friedhof immer wieder in nördlicher Richtung erweitert. Das stetige Wachstum der Bevölkerungszahlen machte dies notwendig.
 
Das „Millionenviertel“
 
Doch es gab auch 1867 wieder einen Friedhofsstreit. Die Besitzer von sogenannten Erbbegräbnissen auf dem alten Kirchhof hatten Einwände. Müller Buddenberg und die Kaufleute Regenbogen, Rost, Tigler und Metelerkamp wandten sich an das Preußische Kultusministerium. Sie wollten weiterhin auch Familiengrabstätten in angemessener Größe auf einem neuen Friedhof für sich beanspruchen und weitervererben.
 
Der Kirchenrat wollte nicht zustimmen und auf dem Friedhof nur Reihengräber anlegen. Das Ministerium genehmigte die Anlage eines Privatfriedhofes direkt im Anschluss an den Gemeindefriedhof mit Zuwegung über diesen. So entstand gegen den Willen des Kirchenrates das sogenannte „Millionenviertel“.
 
 
Die Fabrikantengräber heben sich zwar von den einfachen Gräbern teilweise durch Stanketteinfassungen und größere Zentralgrabsteine ab, sind aber bei weitem nicht so pompös gestaltet, wie auf anderen Friedhöfen (z. B. Rheine)
 
Der Landwirt Kruse aus Samern hatte den Auftrag erhalten, den ausgewiesenen Platz mit Erde und Plaggen so anzufüllen, dass er mit dem Rest des Rüthkamps eine ebene Fläche bildete. Dies bescherte der Familie Kruse eine Grabstelle zwischen Kaufleuten und Fabrikanten.
Bis heute werden viele der Grabstellen im Millionenviertel weiter von Angehörigen belegt. Einige historische Grabstellen wurden aufgegeben, werden aber vom Friedhofsgärtner weiter gepflegt, weil sie mittlerweile eine Art Denkmäler auf unserem Friedhof darstellen und auch kultur- und ortshistorischen Wert haben.
 
 
Die Grabstelle der Kaufmannsfamilie Metelerkamp. Drei Kinder starben im Mai 1872 vermutlich an Tuberkulose. Edo Floris wurde nur sechs, Johann nur vier und Caspar nur zwei Jahre alt. 1874 starb die Tochter Tella Gesina im Alter von sieben Monaten. Der Nachkömmling Edo Floris Johann Caspar, der alle Vornamen seiner verstorbenen Brüder trug, starb 1879 im Alter von nur zwei Jahren. So verblieb kein Nachkomme der Eltern.
 
Die Friedhofskapelle
 
Bis 1965 wurden die Trauerfeiern in der Kirche abgehalten. Die Fabrikantenfamilie Criegee (Schlikker & Söhne) stiftete der Gemeinde nach dem Tod ihrer Tochter Annedore eine Friedhofskapelle. Heinrich und Deli Criegee hatten genaue Vorstellungen, wie die Kapelle gestaltet werden sollte. Eine Kapelle in Finnland war ihr architektonisches Vorbild. Errichtet wurde sie an der damaligen Nordgrenze des Friedhofs. Am 18.März 1965 konnte die Kapelle mit vier Leichenkammern ihrer Bestimmung übergeben werden. Die Tür wurde seinerzeit vom Gildehauser Künstler Hartmann entworfen. Ein Wandrelief trennt den Kapellenraum von den Funktionsräumen. Eine Orgel wurde 1966 von Frau Änne Criegee gestiftet.
 
 
Die Friedhofskapelle von 1965
 
„Alter Friedhof“
 
Offizielle Bezeichnungen sind es nicht, aber der Volksmund spricht gerne vom „Alten Friedhof“ und „Neuen Friedhof“. Die Grenze ist klar festgelegt. Die südliche Kapellenwand deutet die Grenze von alt zu neu an. Wer dort einmal aufmerksam in Ost-West-Richtung blickt, wird feststellen, dass dort auch eine optische Trennung auf dem Friedhof deutlich wird.
 
Die Bestattungen auf dem alten Friedhof bis Höhe Friedhofskapelle erfolgten grundsätzlich in Ost- West-Richtung. Dies wird auch bis zum heutigen Tag so beibehalten. Lediglich bei einigen Einzelgräbern wurde von dieser Richtung abgewichen. Die Hauptwege verlaufen von Süd nach Nord, die Querwege zu den Gräbern von West nach Ost. Da die Grabsteine grundsätzlich am Kopfende stehen, ist es beim Durchlaufen der Wege oft schwierig, die Namen zu lesen, da man sich bei der Hälfte der Grabstellen gegen die Laufrichtung drehen muss.
 
Die Bestattungen auf dem alten Friedhof bis Höhe Friedhofskapelle erfolgten grundsätzlich in Ost- West-Richtung. Dies wird auch bis zum heutigen Tag so beibehalten. Lediglich bei einigen Einzelgräbern wurde von dieser Richtung abgewichen. Die Hauptwege verlaufen von Süd nach Nord, die Querwege zu den Gräbern von West nach Ost. Da die Grabsteine grundsätzlich am Kopfende stehen, ist es beim Durchlaufen der Wege oft schwierig, die Namen zu lesen, da man sich bei der Hälfte der Grabstellen gegen die Laufrichtung drehen muss.
 
 
Hier erkennt man deutlich die unregelmäßig breit geschnittenen Hecken. Die dadurch etwas krumm wirkenden Wege machen den Charme des „Alten Friedhofs“ aus.
 
Abgesehen von den Einzel- und Reihengräbern sind nahezu alle Grabstellen auf den Friedhof mit einer Hecke eingefasst. Diese Hecken werden bewusst in unterschiedlichen Breiten beschnitten. Dadurch sind in nahezu allen Querwegen keine schnurrgeraden Hecken, sondern optisch auffällige Verwinkelungen entstanden. Dies soll einer langweiligen Optik entgegenwirken.
 
„Neuer Friedhof“
 
Auf dem „neuen Friedhof“ wird ausschließlich in Nord-Süd-Richtung bestattet. Beim Durchlaufen der Querwege kann man somit, ohne sich umzudrehen, auf jeden Grabstein sehen. Die Gräber sind anstelle von Hecken mit Steinplatten umfasst. Zwischen den Grabreihen sind Hecken oder Büsche gepflanzt. Damit hebt sich der „Neue Friedhof“ optisch deutlich vom „Alten Friedhof“ ab.
 
Ausblick
 
Die Bestattungskultur hat sich geändert. Anstelle großer Familiengräber rücken immer mehr schlichte Gräber mit einfacher Grabpflege in den Vordergrund. Auch der prozentuale Anteil der Urnenbestattungen steigt jährlich an. Zurzeit (Stand 1.5.2016) sind etwa 3000 Grabstellen aktuell belegt. Durch die Aufgabe von großen Familiengrabstellen auf dem alten Friedhof entstehen dort neue Flächen, die für herkömmliche, aber auch neue Bestattungsarten genutzt werden können. Durch die steigende Anzahl von Urnenbestattungen können solche Flächen ebenfalls deutlich effektiver genutzt werden.
 
Im Nordteil des Friedhofs befindet sich eine letzte Freifläche, die nicht im herkömmlichen Sinne genutzt werden soll. Hier werden in Kürze Grabformen entstehen, die einer naturnahen Bestattung Rechnung tragen. Für Baumbestattungen wurden Bäume angepflanzt. Rasengräber und weitere naturnahe Bestattungen sind dort auch möglich.
 
Der Friedhof ist mit seinen ca. 42.000 Quadratmetern Fläche zwar begrenzt, kann aber durch nachhaltige Bewirtschaftung noch sehr lange für die kommenden Aufgaben genutzt werden. Eine nochmalige Erweiterung an Ort und Stelle ist nicht möglich.
 
Die weitere Naturisierung des gesamten Friedhofs mit seiner einzigartigen Flora und Fauna, die nachhaltige Bewirtschaftung, der Erhalt von Tradition und die behutsame Einführung der Moderne müssen immer wieder in Einklang gebracht werden. Eine Aufgabe, der sich insbesondere der Friedhofsausschuss und der Friedhofsgärtner immer wieder aufs Neue stellen müssen.
 
 
Fotos: Rainer Harmsen 2018
 
Die Friedhofskapelle wurde um einen Anbau erneuert und der Feierraum durch Verschiebung der Innenmauer erweitert.
 
 
Juli 2016, Rainer Harmsen